Wieviel Ultraschall in der Schwangerschaft ist sinnvoll?

„Meine Regel ist seit 1 Woche überfällig, kann man schon was sehen?“ lautet die Frage der jungen Frau. Das erste Ultraschall in der Schwangerschaft ist fällig. Es zeigt eine winzige Eihöhle in der Gebärmutter. Die „frischgebackene“ Schwangere verläßt glücklich die Praxis. Nach 3 Wochen der nächste Besuch. Natürlich will sie wissen, ob alles in Ordnung ist. Die erneute Ultraschalluntersuchung bestätigt einen Embryo von 2 cm Länge mit regelmäßiger Herzaktion. Ein Routinefall in der täglichen Praxis.

Die Mutterschaftsrichtlinien in Deutschland schreiben mindestens drei Ultraschalluntersuchungen während der gesamten Schwangerschaft vor, doch meist sind es mehr. Damit gehört unser Land zur Weltspitze. Nirgendwo sonst werden die Schwangern so häufig geschallt. Engländerinnen oder Holländerinnen sind schon froh, wenn ihnen zwei Ultraschalluntersuchungen in den neun Monaten zugestanden werden.

Den Richtlinien zufolge sollen im Verlauf einer normalen Schwangerschaft Ultraschalluntersuchungen jeweils nach etwa 10, 20 und 30 Schwangerschaftswochen erfolgen. Ihr Ziel ist die genaue Bestimmung des Schwangerschaftsalters, die Kontrolle des Wachstums und die Suche nach auffälligen fetalen Merkmalen, z. B. Organfehlbildungen. Findet der Gynäkologe hierbei Hinweise für eine Störung oder Auffälligkeit, sind weitere Untersuchungen erforderlich. Dann ist das Fachwissen von Ultraschallspezialisten unentbehrlich.

Der aktuelle Stand der Mutterschaftsrichtlinien vermag jedoch kaum mit der raschen Weiterentwicklung der Ultraschalltechnik und ihrer Anwendung Schritt zu halten. So ist inzwischen längst das Ersttrimesterscreening in der 12/13. Woche etabliert, zu dem sogar eine Messung der fetalen Nackenhaut gehört. Die Dicke dieser pingelig zu messenden Struktur, auch salopp Nackenfalte genannt, kann Hinweise auf Chromosomendefekte, Herzfehler und andere Fehlbildungen geben. Zusammen mit weiteren Informationen und einer Blutanalyse ermöglicht sie die Berechnung des Risikos für die Trisomie 21, im Volksmund Mongolismus genannt.

Mit der Dopplersonographie, die Blutflüsse in mütterlichen Arterien, in der Nabelschnur und im fetalen Kreislauf mißt, können wichtige Informationen zur Funktionsfähigkeit des Mutterkuchens, der Sauerstoffversorgung und Herzfunktion des Feten gewonnen werden. So lassen sich Risikoschwangerschaften mit Mangelentwicklung, Plazentaversagen oder Herzfehlern früher und effektiver entdecken.

Die dreidimensionale Darstellung des Feten entweder in Festbildern oder gleich in ganzen Filmsequenzen, dann 4D genannt, ermöglicht u. a. die Darstellung der fetalen Oberfläche. Gaumenspalten, offener Rücken oder Klumpfüße lassen sich so sicherer erkennen. Vor allem aber sind es die wirklichkeitsnahen Photos aus dem Dunkel des Mutterleibes, die den werdenden Eltern eine sehr konkrete Vorstellung ihres Kindes bieten. Wer das 3D-Porträt oder in 4D gar das Strampeln eines Feten in der 18. Woche gesehen hat, wird solche Bilder nicht mehr vergessen.

Ganz unabhängig vom medizinischen Nutzen haben die Ultraschalluntersuchungen im Verlauf der Schwangerschaft auch einen psychologischen Aspekt. Das Babyfernsehen, wie es im Unterschied zur medizinisch erforderlichen Untersuchung heißt, fördert schon im Mutterleib eine emotionale Bindung von Mutter und Kind. Ihre psychostabilisierende Wirkung für das schwangere Paar und die Angehörigen ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Natürlich gehört Babyfernsehen nicht in die Kassenmedizin. Nicht jede Ultraschalluntersuchung ist notwendig. Die Schwangeren sollten mit ihren Frauenärzten besprechen, wieviele Ultraschalluntersuchungen für sie und ihr Kind wünschenswert bzw. sinnvoll sind.

Dr. Mechthild Schulze-Hagen