Eierstockszysten zuhauf – ein häufiges Problem junger übergewichtiger Frauen

Unsere Leserin Anne L (48) aus Üdem fragt: „Stimmt es, daß dicke Mädchen viel mehr Eierstockszysten bekommen als schlanke?“ – Da ist was dran. In der Tat findet man bei übergewichtigen Frauen häufig charakteristische Veränderungen an den Eierstöcken in Form vieler kleiner Zysten. Diese komplexe Störung der Eierstocksfunktion wird medizinisch korrekt als Syndrom der polyzystischen Ovarien oder kurz PCO genannt. Die beiden Eierstöcke produzieren bekanntlich nicht nur jeden Monat eine reife Eizelle, sondern bilden auch Hormone, nämlich Östrogene (weibliche Geschlechtshormone), aber auch Androgene (männliche Geschlechtshormone). Die Geschlechtshormone sind mit praktisch allen anderen Hormonsystemen des Körpers und mit dem Stoffwechsel vernetzt. So beeinflussen sich z. B. das für den Zuckerstoffwechsel zuständige Insulin, die Östrogene, die Schilddrüsenhormone, der Fettstoffwechsel und das Gehirn wechselseitig. Deshalb wirken sich Störungen am Eierstock auch auf andere Bereiche des Stoffwechsels aus und umgekehrt. Und an dieser Stelle kommt die Beziehung von Körpergewicht und Eierstocksfunktion ins Spiel.

Es ist die hochkalorige Ernährung, insbesondere die übermäßige Zufuhr von Kohlehydraten und Fetten, die zu charakteristischen Änderungen des Stoffwechsels mit erhöhtem Insulinspiegel und erhöhtem Spiegel männlicher Hormone führt. Gewichtszunahme und Übergewicht sind die eine Seite dieser Medaille, die Störung der Eierstocksfunktion ist die andere Seite. Die vermehrte Produktion von Androgenen unterdrückt meist den Eisprung, statt dessen kommt es zur Ausbildung zahlloser kleiner Zysten an den Ovarien. Zyklusstörungen wie zu seltene oder ganz ausbleibende Regelblutungen sind die Folge. In vielen Fällen findet man auch Androgenisierungserscheinungen: Akne und vermehrte Körperbehaarung, wie sie sonst eigentlich für Männer typisch sind. Dreiviertel aller Frauen mit PCO haben Schwierigkeiten, schwanger zu werden und suchen deshalb frauenärztlichen Rat.

Man muß wissen, daß jede vierte junge Frau ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes PCO hat. Damit ist die Dimension einer Volkskrankheit erreicht, vielleicht derjenigen, die in der Öffentlichkeit am wenigsten bekannt ist. Die PCO-Patientinnen haben aber nicht nur Fertilitätsprobleme, sie müssen auch mit Langzeitfolgen rechnen: Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Hochdruck, Gefäßprobleme und ein erhöhtes Krebsrisiko. Deshalb ist es so wichtig, daß die Frauenärzte frühzeitig „die Finger in die Wunde legen“ und auf eine nachhaltige Änderung der Lebensführung pochen. Hier geht es um wichtige Prävention. Unsere ganze Gesellschaft muß ihre Lebensweise überdenken. Es sind die überernährten Kinder, die übergewichtigen Mädchen, die in der Pubertät ein PCO entwickeln und im höheren Alter noch viel größere Probleme zu erwarten haben. Also, wir brauchen endlich das Schulfach „gesunde Ernährung“ für alle Jugendlichen und mindestens dreimal soviel Sportunterricht als bisher, damit der Bewegungsmangel bekämpft und überzählige Kalorien verbrannt werden. Das süße Gift, nämlich die Kombination von Cola, Chips und Fernsehen sollte nur einmal pro Woche erlaubt sein. Aktive, normalgewichtige Jugendliche entwickeln selten ein PCO.

Zum Schluß: Die Chancen, trotz PCO schwanger zu werden, sind heute mit ärztlicher Hilfe sehr gut. Bevor die Ärzte Medikamente zur Auslösung eines Eisprunges verabreichen, hilft in vielen Fällen schon, wenn die Kinderwunschpatientin einige Kilogramm an Gewicht abfastet. Wem das nachhaltig gelingt, der ist auf dem richtigen Weg zur langfristigen Gesundheit.

Dr. Mechthild Schulze-Hagen